Kreuzköllner Nächte sind lang …

Neukölln, Kreuzkölln - egal, Hauptsache frei!
Ein Geheimtipp ist es ja schon lange nicht mehr, dass man im Norden Neuköllns ganz nett Kneipenhopping betreiben kann. Die direkt an Kreuzberg grenzende Gegend zwischen Maybach-Ufer und Kottbusser Damm bzw. Sonnenallee wird aus Gründen der Vereinfachung gerne als Kreuzkölln bezeichnet, was manche doof finden und anderen völlig gleichgültig ist. Es wird generell viel diskutiert über die Entwicklung des Kiezes. Gentrifizierung ist das Stichwort. Das soll aber alles mal egal sein, denn auf dieser Seite gibt´s ja eigentlich Tipps wie man seine Freizeit in Berlin ausfüllen kann, wenn man mal gerade keine Lust auf Spazierengehen oder Büdchenbier-im-Park-trinken hat.
Deshalb machen wir jetzt mal einen Spaziergang durch die Weserstraße. Das “klassische Kreuzkölln” wächst nämlich allmählich Richtung Süden, immer entlang dieser eher unhübschen Straße. Wir beginnen am Hermannplatz. Hier kann man noch mal Geld abheben. Das werden wir brauchen, denn obwohl vielerorts Flaschenbier ausgeschenkt wird, sind die Preise teilweise auf dem Niveau der touristischeren Spreeseite. Das führt übrigens oft zu absurden Konstellationen. Wenn am Wochenende die Kneipen aus allen Nähten platzen oder es jetzt im Sommer drinnen viel zu ungemütlich ist, dann stehen die Kneipengäste draußen vor den Türen und trinken lauwarmes Flaschenbier für bis zu 3,- Euro pro Halblitergebinde, weil drinnen die Kühlkette nicht immer so ganz professionell gehandhabt wird. In Kronkorkenschnippsweite befinden sich allerdings alteingesessene Kioske und Späties, die das gleiche Bier für den obligatorischen Eineuro verkaufen, und zwar eiskalt. Aber egal, wir gehen erst mal los und machen den Quatsch mit. Ist ja auch mal schön.
Vielleicht fangen wir in der Schilling Bar an. Die finde ich persönlich jetzt nicht so super, aber es gibt dort Rollberg-Bier, direkt aus Neukölln, gebraut im Keller der alten Kindl-Brauerei unweit des Neuköllner Jobcenters. Schon das allein ist auf jeden Fall einen Zwischenstopp wert. Dazu bestelltt man am besten noch einen Korn, und zwar “Das Korn”. Lecker, und ein hervorragender Auftakt in eine lange Kneipennacht. Ansonsten ist die Schilling Bar übrigens eine nette Kneipe. Hmm … es gibt schlimmere Urteile über Bierverkaufsstellen.
Weiter geht´s. Nach dem einheimischen Einstieg vielleicht erst mal eine kleine exotische Stärkung. An der Ecke zur Reuterstraße, wo vor kurzem noch der etwas fettige “City-Burger 2″ logierte, hat jetzt das Sahara seine Pforten geöffnet und bietet nordafrikanisches Wüstenessen. Gut.
Ab jetzt wird die Szenekneipendichte höher. Fuchs und Elster und Silver Future locken mit flippigen Gästen, polititschem Anspruch und Neuköllner Kneipenschick. Das heißt rohe Wände, Mobilar vom Sperrmüll, Parolen auf´m Klo und kein Nichtraucherbereich. Im Prinzip wie zu Hause, nur mit Bedienung. Leider ist es überall total voll. Wir widerstehen der Versuchung uns mit einem Büdchenbier einfach zwischen die Massen zu stellen und schlendern noch etwas weiter zum Kuschlowski. Die Bar ist in etwa so groß wie ein durchschnittliches Wohnzimmer und deshalb sowieso immer voll. Aber wir bleiben trotzdem stehen, denn hier gibt es Bamberger HerrenPils, was ja wohl mit ziemlich großen Abstand das leckerste Bier auf der ganzen Weserstraße ist. Zisch … 2,20 für 0,33 aus der Flasche ist ein stattlicher Discopreis, aber das Gebräu ist jeden Cent wert.
Gleich nebenan, an der Ecke zur Pannierstraße ist endlich mal etwas Platz. Hier logiert der Platzhirsch unter den neuen Weserstraßen-Kneipen. “Freies Neukölln” ist nicht nur ein Lebensmotto oder eine Forderung sondern auch eine geräumige Schankwirtschaft mit sozialistisch denkender Geschäftsführung und selbstproduziertem antikapitalistischem Fernsehprogramm. Das heißt Sender Freies Neukölln und wenn nicht gerade Sommerpause ist, gibt es jeden Freitagabend eine halbe Stunde neues Material vom Sender auf Leinwand zu sehen. Ansonsten Helles, Dunkles, Pils, Neuköllnisch Wasser etc. und auch eine Küche ist vorhanden und bietet bis Mitternacht noch feste Nahrung an. Brauchen wir aber heute nicht mehr.
Wir gehen weiter und wechseln die Straßenseite. Dort wartet an der nächsten Ecke das Tell-Stübchen 24/7 auf Besucher. In dieser klassischen Berliner Eckkneipe verlebte der Autor seinen letzten Geburtstag und feierte einen grandiosen Erfolg am Dartautomaten, weshalb er aus nostalgischen Gründen hier selten vorbeigehen kann ohne zu grüßen. Die Beschallung ist etwas karnevalsartig, aber dafür sind die Preise noch echt Neukölln. Das Wort Szene kennt man hier nur aus dem Fernsehen. Molle, Korn, Prost.
So langsam schlägt der Alkohol an. Junge, Junge … Es kommt ja noch so einiges. Das Holz&Kohlen zum Beispiel. Eine gemütliche kleine Bar in der leider nie jemand ist, weil entweder wirklich keiner da ist oder alle draußen vor der Tür stehen. Hm … wir gehen mal lieber weiter.
Das SpätInternational lockt mit Tischen vor der Tür und Kunst im Hinterzimmer … schon vorbei. Und das Ratzeputz, dass ich aus ungeklärten Gründen noch gar nicht kenne, lassen wir auch links liegen. Wir gehen nämlich erst mal kickern, ins Ä. Das Ä an der Ecke zur Fuldastraße ist schon richtig berühmt in Berlin. Tolle Atmosphäre, tolle Leute, alles toll, toll, toll. Also um mal mit der Wahrheit rauszurücken, ich erinnere mich noch an den Winter, wo man ja ungern draußen steht. Da war es meist sehr voll im Ä. Da saß man dann auf Bierkisten oder drängelte sich im Gang zur Toilette, es gab (und wahrscheinlich gibt es) keine Lüftung, was den libertären Umgang mit dem Rauchverbot zumindest zweischneidig macht und das mit dem warmen Bier war auch hier. Ich kann so eine Umgebung durchaus inspirierend finden. Leider schwindet die Inspiration aber immer, wenn ich argwöhne, dass da jemand ganz schnell ganz viel Geld mit ganz wenig Aufwand verdienen möchte. Natürlich ist das nur ein Gefühl und eigentlich würde ich auch gerne ganz schnell mit wenig Aufwand ganz viel Geld verdienen, trotzdem fühlt sich das unangenehm an. Egal. Wir kickern und das Bier ist heute bestimmt kalt und die Leute sind ja auch wirklich meistens nett und cool und so. Aber irgendwann reichts dann auch. Schluss mit Lustig.
Die nächste Bar lockt uns mit riesigen Fenstern direkt auf die andere Straßenseite. Im Tier trinkt man etwas gediegener und mit einem im Schnitt 10 Jahre älteren Publikum. Hier hat jemand ausdauernd über die Abstimmung von Ort und Mobilar und über den ganzen Rest nachgedacht. Das darf man ruhig mal gut finden. Im Gästebuch steht “… komische Musik hier. Komisch nicht im Sinne von witzig sondern von seltsam.” Dem stimme ich bedingt zu. Ich mag das Tier, sowohl als Bar als auch das Tier, das hinter dem Tresen so ausdauernd gekrault wird.
Langsam beginne ich zu schunkeln, obwohl die Musik gar nicht dafür ist. Ui, wie alles schwankt! Zeit für den Absacker. Auf ins Sux. No ToGos, No PoetrySlam, No HotSpot steht an der Tür und macht uns die Kneipe auf Anhieb sympatisch. Leider gibt es keinen Korn, weshalb hier kräftig auf die Euphoriebremse getreten werden muss. Das geht ja gar nicht.
So, vorbei die schöne Sause. Kreuzkölln dreht sich im Kreis oder bin ich das? Noch erwähnenswert ist sicher, dass die Kneipen der Weserstraße regelmäßig von Straßenmusikanten sämtlicher Stilrichtungen auf- bzw. in manchen Fällen auch heimgesucht werden. Was das bedeutet, weiß jeder, der so etwas schon erlebt hat. Tür auf, Menschen mit Instrumentenkoffern rein, Konserve aus, Instrumente stimmen, klampfen, klimpern, tröten, singen, Hut rumgeben, noch mal spielen, weil irgendwer immmer noch nicht genug hat, Instrumente wieder einpacken, Musiker wieder raus, Konserve wieder an, Tür wieder auf, andere Menschen mit anderen Instrumentenkoffern rein und so weiter. So geht das manchmal den ganzen Abend. Aber meist stört das gar nicht.
P.S.: Wer ganz am Ende noch mal Hunger hat, dem sei hier der Döner-Späti Pannierstraße, Ecke Sonnenallee empfohlen. Da gibt´s einen mordsleckeren Dürüm und außerdem fast schon richtiges Neuköllnfeeling, dass sich tatsächlich noch mal deutlich vom Kreuzköllnfeeling unterscheidet. Alle anderen gehen am besten einfach ins Bett.
Date: 27. Juli 2010